Aktuelles rund um die Gesundheit:

Ärztliches Memorandum zur industriellen Nutzung der Atomenergie

Von Dr. med. M. O. Bruker

Vorwort
Das „Ärztliche Memorandum zur industriellen Nutzung der Atomenergie“ von Dr. med. M. O. Bruker gibt in Kurzfassung eine Zusammenstellung von Gründen, weshalb die Inbetriebnahme von Atomkraftwerken aus medizinischer und biologischer Sicht als unverantwortlich zu bezeichnen ist.

Die kleine Schrift sollte geeignet sein, den in weiten Kreisen noch immer herrschenden blinden Fortschrittsglauben zu erschüttern. gez. Prof. Dr. Karl Bechert

Auch im 21. Jahrhundert ist leider anzumerken, dass die Bedrohung durch Atomkraftwerke und Atomwaffen keinesfalls abgenommen hat. Vielmehr versucht die dahinter stehende Lobby durch immer neue Zwecklügen der Bevölkerung ihre berechtigte Angst und Skepsis zu nehmen. Die Unwirtschaftlichkeit von Atomstrom wird schöngerechnet, indem man die Kosten für die so genannte „Entsorgung“ des Strahlenmülls nicht mit einbezieht und milliardenschwere Subventionen außer acht lässt. Die „Kinderkrebsstudie“, von der damaligen Ministerin und Atombefürworterin Angela Merkel in Auftrag gegeben, ist eine wissenschaftliche Farce und ein Schlag ins Gesicht für alle Betroffenen. Alte Technologien im neuen Gewand wie der geplante „europäische“ Druckwasserreaktor gaukeln Sicherheiten vor, die es nicht gibt. Trotzdem wird auf ihre Entwicklung und Zulassung gedrängt. Dies ist ein Eingeständnis für die Mangelhaftigkeit der in Betrieb befindlichen Meiler.

Und im französischen Atomzentrum La Hague warten Tonnen von hochradioaktivem Abfall darauf, in Castor-Behältem die Rückreise anzutreten. Sie werden dann wiederum Tausende von Zivilisten und Polizisten verstrahlen. Und immer noch gilt: Die Sonne schickt uns keine Rechnung …
Lahnstein, im Januar 2010


Atomreaktoren und Lebensbedrohung
Für die Beurteilung der Gesundheits- und Lebensbedrohung durch den Betrieb von Atomkraftwerken sind allein Ärzte, Biologen und Ökologen zuständig und niemand sonst. Im Gegensatz dazu wird seit Beginn des Geschäfts mit der Atomkernspaltung in der Öffentlichkeit von Seiten der Behörden, der Hersteller und Betreiber unentwegt der Eindruck erweckt, als seien für die Beurteilung biologischer Fragen Kernphysiker und Atomtechniker zuständig. Nur durch dieses Täuschungsmanöver der einflussreichen Interessengruppen, die den Informationsmarkt beherrschen, ist es bisher gelungen, vor der Öffentlichkeit die wahren Sachverhalte zu verschweigen. Damit wird das Fachwissen dieser Gelehrten auf ihrem Gebiet nicht angezweifelt; sie vermögen jedoch nicht den Gesamtkomplex zu beurteilen, der die biologischen und medizinischen Auswirkungen hochenergetischer Strahlung betrifft, wie sie beim Betrieb von Atomkernspaltungsanlagen als „Radioaktivität“ entsteht. Eine grundsätzliche Stellungnahme von ärztlicher und biologischer Seite zur Problematik der Atomkraftwerke ist daher von außerordentlicher Dringlichkeit und Bedeutung.


Warum brauchen wir Atomreaktoren?
Bisher sagte man der Bevölkerung, Atomkraftwerke seien unerlässlich und wesentliche Schäden für die Bevölkerung seien bei Normalbetrieb nicht zu erwarten. Der Stand der Wissenschaft gibt jedoch für eine derartige Ableugnung der Gefahren keinerlei Berechtigung. Vorweg erscheint es jedoch nötig, kurz die Hintergründe zu skizzieren, die eine Planung der Atomkraftwerke bis zu dem heutigen Stand der Entwicklung ermöglichen. Seit der Atombombe weiß jeder, dass die Kernspaltung mit hohen Risiken für die Gesundheit der jetzigen und vor allem der zukünftigen Generationen behaftet ist. Als der Schrecken der Atombombe der Menschheit noch in den Gliedern saß, bedurfte es daher geschickter Werbetricks, um die Energiegewinnung aus der Spaltung von Uran 235 den verängstigten Menschen schmackhaft zu machen. Man griff zu den drei Zwecklügen, dass die fossilen Energieträger Kohle und Öl in absehbarer Zeit den Energiebedarf bei steigendem Verbrauch nicht decken, dass der Strom durch Kernspaltung viel billiger würde als bei konventioneller Herstellung und dass Atomkraftwerke völlig gefahrlos seien. Heute wird von interessierten Kreisen behauptet, dass trotz des zusätzlichen Angebots an alternativen Energien (Sonnenenergie, Wind, Erdwärme) ohne Atomstrom demnächst die Lichter ausgingen. Die Unrichtigkeit dieser Zweckmeldungen ist von Fachleuten längst nachgewiesen, braucht daher hier nicht mehr erörtert zu werden. Bei jeder Erörterung der Risiken von Uranreaktoren erscheint es notwendig, sich dieser falschen Voraussetzungen ständig bewusst zu sein, da die Abwägung von Vorteil und Nachteil entscheidend davon abhängig ist, ob die Kernspaltung zur Energiegewinnung ein notwendiges Übel ist oder nicht.


Radioaktive Stoffe und Strahlungen
In einem Atomreaktor, der mit Uran 235 betrieben wird, entstehen beim gebremsten Kernspaltungsprozess dieselben radioaktiven Stoffe und Strahlungen wie bei der Explosion einer Atombombe. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die Radionuklide bei der Bombe frei in die Atmosphäre gelangen, während man sie beim Reaktor eingeschlossen zu halten versucht. Die Risikofaktoren sind demnach in erster Linie davon abhängig, wie weit es gelingt, ein Entweichen radioaktiver Substanzen in die Umwelt zu verhindern und die Biosphäre für alle Zeiten von dem Kontakt mit dem Atommüll fernzuhalten. Schon beim Normalbetrieb ist eine Emission fester und gasförmiger Radionuklide in die Umgebung trotz Einhaltung größter Sicherheitsmaßnahmen nicht zu verhindern (daher Toleranzen). Der Zerfall des Atomkerns erfolgt unter Abgabe von strahlender Energie. Man unterscheidet I.) Alphastrahler, die nichts anderes darstellen als Heliumkerne, 2.) Betateilchen, die identisch sind mit einem Elektron oder Positron und 3.) Gamma-Strahlen, das sind elektromagnetische Schwingungen vom Charakter einer sehr harten, äußerst kurzwelligen Energiestrahlung, die sich, da ohne Masse und Ladung, mit Lichtgeschwindigkeit gradlinig fortpflanzen. Die besondere Gefährlichkeit der Alphateilchen besteht darin, dass sie als korpuskuläre Elemente im Organismus abgelagert (inkorporiert) werden können. Sie haben nur eine geringe Reichweite, im lebenden Gewebe nur ungefähr 1/100 mm. Doch ist ihre ionisierende Wirkung infolge ihrer relativen Größe und Masse außerordentlich groß: Ein einziges Alphateilchen vermag auf seinem Weg etwa hunderttausend Ionenpaare zu erzeugen! Betateilchen haben eine je nach ihrer Energieladung verschieden hohe Geschwindigkeit. Ein Betateilchen von 0,61 MeV (Mega-Elektronenvolt = 610 000 eV) Energie erreicht 90 % der Lichtgeschwindigkeit. Sie sind schon wesentlich durchdringungsfähiger. Ihre Reichweite kann in der Luft über einen Meter betragen und im menschlichen Gewebe einige Millimeter. Gammastrahlen und schnelle Neutronen besitzen nicht nur ungeheure Energien, sondern haben auch mangels einer elektrischen Ladung eine fast unbegrenzte Reichweite. Energiereiche Gammastrahlen können 20 cm starke Bleiplatten durchdringen, und Neutronen werden selbst von meterdicken Be-tonwänden nicht restlos absorbiert.


Die Reaktion von Organismen auf ionisierende Strahlung
Die Wirkung der ausgestoßenen Teilchen bzw. Energie-Quanten kommt durch ihre außerordentlich große Bewegungsenergie zustande. Sie tritt in bestrahlter Materie in verschiedener Form in Erscheinung als I. Umwandlung der kinetischen Energie (Bewegungsenergie), beim Auftreffen in thermische Energie, d. h. Erwärmung. 2. Abtrennung von Elektronen eines getroffenen Atoms, das ist Ionisation. 3. Dadurch Erzwingung von chemischen Reaktionen. 4. Auslösung von Kernumwandlung beim direkten Treffen eines Atomkerns. 5. Strahlungsanregung im getroffenen Atom, so daß dieses nun selber sekundär „strahlend“ wird und 6. Zerstörung der Gitterstruktur von Kristallen, d. h. auch von Metallen. In lebendigen Organismen beginnt die Wirkung ionisierender Strahlen mit dem Primärvorgang der Energieabsorption im atomaren und molekularen Bereich. Daran schließen sich Sekundärreaktionen an, die zunächst einfacher chemischer Natur sind, bald aber in den Bereich komplizierter Stoffwechselreaktionen hineinreichen. Primärereignis und anschließende radiochemische Sekundärfolgen führen zu zwei Typen von Strahlungsschäden: Zur Änderung von Zellstrukturen und Änderungen des Zellstoffwechsels. Das geordnete System der großen Zahl von zum Teil an die Mitochondrien gebundenen Enzymen, die in gesetzmäßiger Weise im Zellstoffwechsel ineinander greifen, wird gestört oder blockiert, was den Tod der Zelle oder ihre Entartung, d. h. die Umwandlung in eine Krebszelle, zu bedeuten vermag. Wird der Zellkern getroffen, führt seine Strahlenschädigung infolge der Hemmung der Bildung von Desoxyribonukleinsäure (der Substanz der Erbanlagen), zu Unfähigkeit weiterer Kern- und Zellteilungen und vor allem zu Mutationen, die wiederum zu Erbänderungen führen. Da die Bildung der stoffwechsellenkenden Enzyme ebenfalls über die Gene erfolgt, kann deren Schädigung auch Störungen der Enzymsynthese bewirken und damit zu erblichen Stoffwechseldefekten Anlass sein. Wir kennen heute bereits weit über hundert, teils sehr schwere, solcher erblicher Erkrankungen, die die Blutbildung, den Eiweißstoffwechsel, den Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel, den Glykogen- und den Purinstoffwechsel usw. betreffen und zu Störung der Blutbildung, zu Schwachsinn, Epilepsie, Hirndegeneration, Ekzemen, Arthritis, Hautkrebs.
Zwergwuchs, Netzhaut- und Linsendefekten, Erblindung, Verkalkung der Nieren, Nierensteinen, Krampfzuständen und frühem Tod, z. T. noch im Kleinkindesalter, führen. Andere erzeugen Leberschäden, Muskelschwäche, Störungen der Knochenentwicklung, Knochenerweichung und immer wieder Hirndegenerationen mit Schwachsinn und Demenz. Alle diese Krankheiten sind unheilbar, weil in der Erbmasse begründet, und werden größtenteils an evtl. Nachkommen weitervererbt.
„Was ist Ihnen lieber : Energie sparen und Nutzung der Sonnenenergie , dafür weniger Krebskranke und Erbgeschädigte , oder Atomstrom ?“
(Prof. Dr. Dr. h.c. Karl Bechert, Atomphysiker)


Natürliche und künstlich erzeugte Strahlung
Von den Befürwortern von Atomkraftwerken wird immer wieder die Strahlenbelastung durch Atomkraftwerke mit der natürlichen Grundstrahlung verglichen, um die Gefahren zu bagatellisieren. Dieser Vergleich ist vom wissenschaftlichen Standpunkt aus unhaltbar und irreführend, denn bei der kosmischen Strahlung handelt es sich vorwiegend um Strahlung, bei der keine radioaktiven Substanzen inkorporiert werden. Bei der Grundstrahlung sind zwar auch radioaktive Stoffe, z. B. C 14, beteiligt: der wesentliche Unterschied gegenüber den Emissionen aus Kernreaktoren besteht aber darin, dass es sich bei letzterem um radioaktive Substanzen handelt, die völlig neuartig sind. Ihre generelle Wirkung, die in der Erzeugung von somatischen und genetischen Schädigungen besteht, ist zwar bekannt, die spezifischen Wirkungen der zahlreichen Isotope sind aber noch längst nicht ausreichend erforscht. Vor allem über die Langzeit- und Spätwirkungen können noch keine Erfahrungen vorliegen, da die Verseuchung mit den Substanzen aus der künstlichen Kernspaltung erst seit relativ kurzer Zeit erfolgt. Man bedenke, dass die Latenzzeit für die Krebsentstehung, die etwa 30 Jahre beträgt, noch nicht abgelaufen ist, ganz zu schweigen von den genetischen Spätschäden, die in vollem Maße erst ab der dritten Generation zu erwarten sind. Es ist auch nicht erlaubt, zu sagen, dass die Menschheit sich an die natürliche Grundstrahlung gewöhnt habe, wie es die Betreiber der Atomreaktoren auszudrücken pflegen. Denn ein Teil der spontanen Mutationen und der spontanen Krebsentstehung kommt auf das Konto der Grundstrahlung. Dieser Tatbestand wird daher besser formuliert, wenn man sagt: Die Menschheit befindet sich in einem biologischen Gleichgewicht mit der natürlichen Grundstrahlung.


Röntgenuntersuchung und Strahlung aus Atomreaktoren
Auch der Hinweis der Betreiber von Atomkraftwerken, dass die Strahlenbelastung der Bevölkerung durch diagnostische und therapeutische Anwendungen von Röntgenstrahlen zur Zeit noch höher liege als die zu erwartende aus den Atomkraftwerken, ist kein Argument für die Reaktoren. Denn man kann aus .diesen Fakten auch den entgegen gesetzten Schluss ziehen, dass nämlich die Strahlenbelastung schon jetzt so groß ist, dass eine zusätzliche durch Atomkraftwerke nicht zu verantworten ist. Dies gilt umso mehr, wenn man die Vorschädigung durch chemische Gifte, d. h. die toxische Gesamtsituation, berücksichtigt. Der Vergleich der natürlichen Strahlung mit der Wirkung radioaktiver Substanzen, die aus Atomkraftwerken stammen, ist noch aus einem anderen Grunde unstatthaft: Die von außen zum Körper gelangende Strahlung lässt sich mit geeigneten Vorrichtungen abschirmen und durch Entfernung von der Strahlenquelle verringern. Diese Schutzmaßnahmen sind bei einverleibten Substanzen, wie sie aus Atomreaktoren stammen, nicht anwendbar; sie schädigen aus nächster Nähe Zellen und Gewebe.
Auch der häufig angestellte Vergleich der Strahlenbelastung aus medizinischen, diagnostischen und therapeutischen Gründen mit den Gefahren durch die Emission radioaktiver Substanzen aus Atomkraftwerken ist absurd, denn Medizin und Kerntechnik sind in ihrer Zielsetzung so grundlegend verschieden: In der Medizin wendet man die Durchleuchtung oder Bestrahlung in Einzelfällen gezielt an, um einem Menschen zu helfen, wobei sich in den meisten Fällen die Bestrahlung der Keimdrüsen weitgehend vermeiden lässt. Dagegen verursacht die Kernindustrie in erster Linie durch Verunreinigung der Umwelt oder auch durch direkte Bestrahlung völlig ungezielte Wirkungen, vor denen kein Lebewesen auf der Erde sicher ist. Aber auch die Risikovergleiche von medizinischen radiologischen Maßnahmen mit der Kernenergie sind unstatthaft: Während der Verzicht auf die Kernindustrie gesundheitlich völlig unbedenklich ist, bedingt der Verzicht auf ärztliche Hilfe zusätzliches Risiko für Leben und Gesundheit. Daher ist der Versuch, eine zwangsläufig gesundheitsschädigende Industrie mit dem Hinweis auf Nebeneffekte der ärztlichen Gesundheitspflege zu rechtfertigen, sachlich irreführend und moralisch minderwertig.

„Man nennt uns Aufwiegler – wir aber wollen nicht in einer atomaren Katastrophe untergehen, wir wollen nicht, dass unsere Nachkommen uns verfluchen, weil wir dem atomaren Wahnsinn nicht Widerstand geleistet haben!“
(Prof. Dr. Dr. h.c. Karl Bechert, Atomphysiker)


Die Halbwertszeit
Von den ca. 1200 radioaktiven Isotopen, die bei der Kernspaltung entstehen, haben die meisten eine so kurze Halbwertszeit, dass sie als Gefahrenquelle vernachlässigt werden können. Es bleiben aber noch etwa 200 Isotope übrig, über deren Auswirkung im biologischen Bereich auf lange Zeit noch keine ausreichenden Kenntnisse vorhanden sind. Es gibt keine Möglichkeit, Radioaktivität zu vernichten. Sie besteht so lange, bis die gesamte Strahlungsenergie abgegeben ist. Dies dauert bei einigen radioaktiven Stoffen kurze Zeit - Sekunden bis Tage -, bei anderen aber Jahre und Jahrzehnte, oft Jahrhunderte und auch Jahrtausende, je nach ihrer Halbwertszeit. Unter Halbwertszeit versteht man jene Zeitspanne, in welcher die Hälfte der Atome der ursprünglich vorhandenen Menge eines bestimmten radioaktiven Stoffes unter Abgabe von strahlender Energie umgewandelt wird. Diese Halbwertszeit vergeht nun wieder, bis von der verbliebenen Hälfte neuerlich die Hälfte abgestrahlt ist usw. So kommt es, dass nach der zehnfachen Halbwertszeit immer noch ein Tausendstel der ursprünglichen Menge des Strahlenstoffes vorhanden ist.


Der Atommüll
Da nur 0, I % des Brennmaterials im Reaktor in Energie umgesetzt wird, 99 % also als hochradioaktiver Atommüll zurückbleiben, werden in Atomreaktoren unvorstellbare Mengen von Atommüll erzeugt. Für das Jahr 2000 wird, eine kontinuierliche Kernenergieproduktion vorausgesetzt, ein täglicher Spaltproduktausstoß von 3000 kg (bzw. 2,4 Milliarden Curie nach 100 Tagen) vorhergesagt, oder anders ausgedrückt: Der jährliche Spaltproduktausstoß hätte ein Ausmaß von rund I Billion Curie. Was dies bedeutet, kann man erst beurteilen, wenn man weiß, dass zur Tötung eines Menschen schon ein tausendstel Curie eingeatmeter Radioaktivität genügt. Dies würde einem tausendstel Gramm Radium entsprechen. Der Erdvorrat an Radium beträgt aber nur 3 kg. Der Atommüll kann nicht beseitigt werden. Mit Rücksicht auf die lange Halbwertszeit der Spaltprodukte und deren biologischer Wirksamkeit muss eine langfristige Kontrolle der Lagerung für einen Zeitraum von über 1000 Jahren sichergestellt sein.


Jod, Strontium, Krypton und Plutonium
Die gefährlichsten der freiwerdenden radioaktiven Substanzen sind Jod 129 mit einer Halbwertszeit von 17 Millionen Jahren, Jod 131 (Halbwertszeit 8 Tage), Strontium 90 (Halbwertszeit 28 Jahre), der radioaktive Wasserstoff, genannt Tritium (Halbwertszeit 12 Jahre), das Edelgas Krypton 85 mit einer Halbwertszeit von 10,6 Jahren und Plutonium 239 mit einer Halbwertszeit von 24 000 Jahren. Krypton 85 ist besonders gefährlich, da es mit Filtern bis jetzt noch nicht zurückgehalten werden kann. Es kann in einigen Jahrzehnten zu einer weltweiten Gefahr werden, da es schwerer ist als Luft, sich also in Bodennähe aufhält, chemisch nicht reagiert, also nicht durch chemische Abbindungen beseitigt werden kann.
Die spezifischen Gefahren der einzelnen radioaktiven Substanzen liegen in ihren Beziehungen zu einzelnen Organen und Geweben, in denen sie angereichert werden; Caesium in den Muskeln, Jod in der Schilddrüse und Strontium im Knochen. Plutonium 239 ist der Brennstoff der schnellen Brüter. Infolge seiner hohen Halbwertszeit nimmt seine Radioaktivität innerhalb menschlicher Zeiträume nicht ab. Wegen seiner physikalischen Eigenschaften reagiert es wechselseitig mit den Stoffen, auf die es trifft. Infolgedessen lagert es seine Energie in einer relativ kurzen Entfernung ab, ungefähr 0,4 mm im festen Gewebe. Die krebserzeugende Kraft des Plutoniums ist wohl bekannt. Ein millionstel Gramm, in die Haut von Mäusen injiziert, hat Krebs hervorgerufen. Plutonium neigt auch dazu, Aerosole von sehr verschiedener Teilchengröße zu bilden. Die größten (die so genannten heißen Teilchen) lagern sich vorzugsweise im Lungengewebe ab. Sie sind besonders geeignet, Krebs zu erzeugen. Ein Teilchen, das z. B. täglich 5000 Heliumkerne aussendet, würde zwischen ein und zwanzig
Lungenalveolen einer genügend starken Strahlung aussetzen, um zum Zelltod zu führen. Bei der Bestrahlung eines Menschen mit der maximal erlaubten Dosis wäre zu erwarten, dass ein Mensch unter zehn einen Lungenkrebs bekäme, wenn man annimmt, das das Krebsrisiko 1:10 000 für ein spaltendes Teilchen wäre. Es gibt bis jetzt keine sicheren Daten, aus denen eine geringste Dosis von Plutonium 239 hervorgeht, unterhalb der keine Krebsentstehung möglich ist.


Die „Toleranzdosis“
Überhaupt schädigt jede Art energiereicher Strahlung lebende Organismen selbst in geringsten Quantitäten. Das diesbezügliche Urteil des wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen lautet: „Selbst die kleinste Menge radioaktiver Ausstrahlung kann schädliche genetische und vielleicht körperliche Wirkungen auslösen.“ Damit wird die Problematik der Strahlenschutzverordnungen der einzelnen Länder deutlich, die sich auf die Richtlinien der ICRP (Internationale Strahlenschutzkommission) stützen. Die so genannte „ Toleranzdosis“ - heute „höchstzulässige Dosis“ genannt - wurde im Jahre 1904 mit 210 Röntgeneinheiten pro Woche angegeben und seither immer gemäß neuen Einsichten in die Gefährlichkeit der Strahlung herabgesetzt. Die einstweilige letzte Verringerung wurde 1958 vorgenommen, und zwar auf 0,1 Röntgeneinheiten pro Woche. Gofman und Tamplin vom Lawrence Strahlenlaboratorium in Livermore/Kalifornien, haben auf Grund neuer Berechnungen eine sofortige Herabsetzung der bisher erlaubten Strahlenbelastung auf 1/ 100 gefordert : „Es gibt keinerlei Beweis dafür , dass es eine sichere Toleranzgrenze für die Strahlung gibt.“ Diese Wissenschaftler schätzen, dass die Strahlendosis, die der Bürger durchschnittlich nach den geltenden Richtlinien des Atomenergieprogramms erhalten darf, jährlich zusätzlich 64 000 Fälle von Krebs und Leukämie verursachen werden, dazu 150 000 bis 1 500 000 Todesfälle durch genetisch bedingte Krankheiten, dieses auf der Grundlage einer Bevölkerung von 500 000 000 Einwohnern. Dabei sind die zahllosen Gesundheitsschäden, die nicht zum Tode führen, nicht berücksichtigt, da sie nicht exakt erfassbar sind. Sie müssen aber logischerweise um ein Vielfaches höher liegen als die Todesraten. Nicht berücksichtigt ist bei der Berechnung auch, dass nach den Plänen die Zahl der Atomreaktoren bis zum Jahre 2                                                            000 sich vervielfacht haben wird.
Die schädigende Wirkung selbst kleinster Strahlendosen wird über lange Zeiträume hinweg summiert.


Anreicherung radioaktiver Substanzen
Infolge der Speicherung der radioaktiven Substanzen in Pflanzen und Tieren wird das Ausmaß der Strahlenschäden vergrößert. In den Binnengewässern wird dadurch die Situation dahingehend verschärft, dass Fische, die in einer Umgebung mit einem Gehalt eines radioaktiven Stoffs leben, der als zulässig gilt, diesen so anheben können, dass sie für den menschlichen Genuss unzulässig radioaktiv verseucht sind. Über spezielle Ionenpumpenmechanismen werden von vielen Organismen lebensnotwendige Elemente aus der Umwelt aufgenommen und zumeist gegenüber der Außenkonzentration angereichert. So findet man z. B. die Konzentration bestimmter radioaktiver Substanzen in den Eiern von Wasservögeln um das 1,5millionenfache angereichert gegenüber der Konzentration dieser Substanzen im Fluss, aus dem die Vögel ihre Nahrung holen. Durch diese Anreicherung radioaktiver Substanzen im Gewebe der Fortpflanzungsorgane bekommt die durch Strahlenbelastung verursachte Schädigung kommender Generationen eine wesentlich gefährlichere Note. Am stärksten gefährdet ist das Kind im Mutterleib.


Kühlwasser
Da Atomkraftwerke doppelt soviel Kühlwasser benötigen wie konventionelle, bringt die Erwärmung der bereits durch chemische Verschmutzung belasteten Flüsse neben den Gefahren der radioaktiven Verseuchung weitere Probleme: Bei 10° Wassertemperaturerhöhung laufen chemische und biochemische Prozesse doppelt so schnell ab. Rechnet man z. B. für Würgassen, dass 80 bis 90% des gesamten Flusswassers das Kraftwerk durchlaufen und sich dann, von 26 bis 33° erwärmt, wieder mit dem restlichen Flusswasser vermischen, so kommt man auf Temperaturen, die weit über 28° liegen. Die Wassertemperatur im Kühlaggregat wird mit 38° angegeben. Dieser Wärmegrad stellt das Optimum für Krankheitserreger wie Salmonellen, Cholera- und andere Bakterien dar. Bakterienvermehrung vermindert den Sauerstoffgehalt des Wassers erheblich, wodurch es zu kaum vorausberechenbaren Verschiebungen der ökologischen Verhältnisse kommt, die vielschichtig sind. Dazu kommt, dass sich bei Aufheizung weniger Sauerstoff im Wasser löst als bei tieferen Temperaturen. Erwärmtes Wasser ist ein gutes Milieu für Blaualgen, die den Stoffkreislauf durch Faulschlammablagerungen belasten und in den Filteranlagen der Wasserwerke Schwierigkeiten bereiten. Außerdem scheiden die Blaualgen hochgiftige Eiweißstoffe ab. In Tierversuchen ist erwiesen, dass ein 1/1000 Milligramm pro kg Körpergewicht tödlich wirkt.


Atomreaktoren sind nicht ungefährlich
Es muss nachdrücklich festgehalten werden, dass schon beim Normalbetrieb eine Emission fester und gasförmiger radioaktiver Substanzen in die Umgebung trotz Einhaltung größter Sicherheitsmaßnahmen nicht zu verhindern ist. Kalkuliert man jedoch die Möglichkeit von Unfällen ein, so ist es - gelinde gesagt - unverantwortlich, wenn von einer Ungefährlichkeit der Atomkraftwerke gesprochen wird. Selbst unter Annahme einer absoluten technischen Sicherheit, die es natürlich niemals geben kann, bleibt jetzt und in Zukunft die überwiegende Unfallursache bestehen: das Versagen des Menschen. Bei verschiedenen Reaktorunfällen in der letzten Zeit taucht die berechtigte Frage auf, ob der Unfall trotz oder wegen der komplizierten Kontroll- und Schutzvorrichtungen aufgetreten ist. Daneben sind noch elementare Ereignisse wie Überschwemmungen und Erdbeben zu erwähnen, sowie Sabotage und kriegerische Auseinandersetzungen, in denen die Zerstörung von Kernreaktoren zur Ausschaltung der feindlichen Energieversorgung legitimes Ziel wäre. Einer der hauptsächlichsten Fehler in der Beurteilung der Gefahrenmomente, die durch den Betrieb von Atomkraftwerken entstehen, liegt darin, dass nicht beachtet wird, dass ein einzelner Reaktor nur einen kleinen, für sich nicht existenzfähigen Bereich im Rahmen der Kerntechnik darstellt. Die industrielle Gewinnung von Wärme aus der Kernspaltung ist auf einen umfangreichen Komplex von Betrieben angewiesen. Das spaltbare Material muss im bergmännischen Abbau gewonnen werden, im Isotopenanreicherungsverfahren konzentriert und zu Brennelementen verarbeitet werden, die ihrerseits nach dem Gebrauch im Atomreaktor in Aufbereitungsanlagen regeneriert werden, und schließlich muss der radioaktive Abfall Jahrtausende abgelagert und bewacht werden. Da die weitaus größere Gefährdung der Bevölkerung durch radioaktive Verseuchung in diesen technischen Vor- und Nachverfahren liegt, ist es bei der Beurteilung der Gefährdung durch ein Atomkraftwerk nicht statthaft, nur den kleinen Sektor des Atomkraftwerks selbst zu berücksichtigen. Die größte Verseuchung geschieht durch die Aufbereitungsanlagen. So hat allein die Aufbereitungsanlage in West Valley, New York, im letzten Jahr 1.000.000 Curie Krypton 85 in die Atmosphäre abgegeben. So setzt selbst das sauberste Atomkraftwerk über die Aufbereitungsanlage aus den produzierten aktiven Nukliden einen Teil in die Biosphäre frei und leistet wiederum mittelbar einen Beitrag zur globalen radioaktiven Verseuchung. Zusammenfassend muss von ärztlicher Sicht aus festgestellt werden, dass neben den körperlichen Langzeit- und Spätschäden vor allem ein Anwachsen erblicher Defekte als Folge der radioaktiven Verseuchung der Biosphäre durch die Atomkraftwerke zu erwarten ist. Da sich diese Erbschäden erst in mehreren Generationen sichtbar äußern werden und die Umwelteinwirkung der Kerntechnik heute noch eine relativ geringe ist, kann man den trügerischen Eindruck einer heilen Situation gewinnen. Eine unkritische optimistische Fortschrittserwartung ist auf dem Gebiet der Atomkernspaltung ebenso gefährlich wie die Illusion, anzunehmen, dass auch die schlimmsten Umweltprobleme von Wissenschaft und Technik stets rechtzeitig gelöst werden könnten. Die ärztliche und ökologische Betrachtung lässt kein anderes Urteil zu, als die Inbetriebnahme von Atomkraftwerken nach dem heutigen Stand von Wissenschaft und Technik als unverantwortlich zu bezeichnen. Der größte anzunehmende Unfall (GAU), der sich angeblich nie ereignen wird, ist im Atomreaktor von Tschernobyl Wirklichkeit geworden. Die Katastrophe hat die Gefahren unter Beweis gestellt.

Dr. med. M. 0. Bruker

„Natürliche Umgebungsstrahlung ist naturgegeben.
Radioaktive Stoffe aus Atomkraftwerken werden uns zusätzlich aufgezwungen.“
(Prof. Dr. Dr .h.C. Karl Bechert, Atomphysiker)

ISBN 978-3-89189-015-8
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