„Komm Schatz, wir segeln einmal um die Welt!“

Auf Segelboot - Fotos privat
Fotos: privat

Die Idee, die alles veränderte

Es ist das Jahr 2021. Wir sitzen gemeinsam mit zwei unserer besten Freunde zusammen, mitten in der Coronazeit, irgendwo im Lockdown. Wir schauen ein Segelvideo auf YouTube, als einer unserer Freunde sagt: »Beim nächsten Lockdown hauen wir ab, kaufen uns zusammen ein Boot und segeln um die Welt!« Der nächste Lockdown blieb aus. Doch der Gedanke ist gesät, und der Wunsch nach Freiheit lässt uns nicht mehr los.
Knapp zwei Jahre später unterschreiben mein Mann und ich den Kaufvertrag für unser fast 50 Jahre altes Holzsegelboot. Ohne je eine Meile allein gesegelt zu sein. Ohne Erfahrung. Mit dem Plan, die Welt zu umsegeln. Was uns erwarten würde, ahnten wir damals noch nicht.

Von der Vision zur Entscheidung

Rund ein Jahr vor dem Bootskauf beschlossen wir, unseren Traum wirklich umzusetzen. Wir waren Anfang 30, kinderlos, und ich stand kurz vor dem Abschluss meiner Promotion. Bevor ich das nächste Projekt annehmen würde, sagten wir uns: Worauf sollen wir warten? »Irgendwann« ist jetzt.
Wir meldeten uns in der Segelschule an, absolvierten mehrere Segel- und Funklizenzen und verbrachten die Abende vor YouTube, um anderen »Normalos« zuzuschauen, die auf große Fahrt gingen. Ein Jahr Vorbereitung, Planung, voller Aufregung, Euphorie, Zweifel und Angst begann. Wie regeln wir das mit der Krankenversicherung, wie teilen wir unser Budget ein, was müssen wir alles am Boot reparieren? Fragen über Fragen, Diskussionen, stundenlange Recherchen und Informationssuche.
Als Generalprobe buchten wir einen Segelurlaub und stellten fest: Das Segelvirus ist hochgradig ansteckend. Unser Segellehrer entdeckte zufällig online ein passendes Boot für uns. Da wir ohnehin auf Mallorca waren, schauten wir es uns an. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Unsere Propina – Ein Boot mit Seele

Nach einem Gutachten und sechs Monaten Wartezeit waren wir stolze Besitzer der »Propina«: ein 17 Meter langes Segelboot mit zwei Mästen, eine sogenannte Ketsch, aus formverleimtem Holz, Baujahr 1978, mit echter Bootsseele. Wir brachten das Boot noch mit der Unterstützung eines Skippers nach Almerimar in Andalusien, wo wir das große »Refit« starten wollten.
Wir kündigten unsere Jobs und fuhren im Frühjahr 2024 gemeinsam mit meinen Eltern und ihrem Wohnmobil nach Almerimar, wo unser Boot bereits auf dem Trockendock stand. Dort schliffen wir das Unterwasserschiff, strichen neu und arbeiteten bei sengender Hitze daran, die Propina fit für unser großes Abenteuer zu machen.
Noch einmal ging es für einen Monat zurück nach Deutschland: Mietwohnung kündigen, Besitz verkaufen oder einlagern, heiraten, Abschiedsfeier feiern. Meine Doktorarbeit finalisierte ich auf dem Boden sitzend zwischen Umzugskartons und schickte sie einen Tag vor unserem Abflug an die Uni. Dann folgte der tränenreiche Abschied von unserer Familie.
Freude und Tränen lagen so nah beieinander. Wir stiegen mit zwei Rucksäcken ins Flugzeug, und unser neues Leben begann.

Große Pläne und harte Realität

Unser ursprünglicher Plan war ambitioniert: Im August und September die Balearen und Sardinien besegeln, zurück nach Almerimar, weiter auf die Kanaren und dann über den Atlantik in die Karibik. Die Realität holte uns schnell ein.
Kurz nach unserer Ankunft auf dem Boot brach ich mir die Leiste und musste in Spanien operiert werden. Sechs Wochen Segelverbot, kein Heben über fünf Kilogramm, denn es war bereits der zweite Bruch, vermutlich ausgelöst durch die körperliche Arbeit am Boot. Ein herber Rückschlag, waren wir doch voller Tatendrang!
Kaum war ich wieder halbwegs fit, folgten neue Probleme: Wasserlecks, Reparaturen, ständiges Auskranen, wir mussten im Hafen bleiben und weiter den Liegeplatz bezahlen. Zeit und Ersparnisse schwanden. Am Ende blieben uns vor dem Winter nur vier Wochen Segelzeit im Mittelmeer.
Wir hetzten von Etappe zu Etappe, schafften es schließlich im November nach Marokko und anschließend auf die Kanaren und merkten dort im neuen Jahr: So kann es nicht weitergehen. Wir machten einen Heimatbesuch, mein Mann Artur bekam ein gutes Jobangebot. Wir überlegten, ob wir uns überschätzt hätten. Doch viele Gespräche später beschlossen wir: Wir ziehen das jetzt durch. Wir geben uns ein weiteres Jahr und geben alles für unseren Traum.

Der Weg wird zum Ziel

Wir waren aufgebrochen, um dem Hamsterrad zu entkommen – nicht, um uns ein neues zu bauen. Wir waren noch nicht bereit für die Atlantiküberquerung und die richtige Saison zur Überquerung würde bald enden. Also entschieden wir uns, zurück ins Mittelmeer zu segeln, weiter Segeln zu üben und den Druck herauszunehmen.
2025 wurde unser Jahr unter dem Motto: »Der Weg ist das Ziel.« Nicht umsonst heißt es: Pläne beim Segeln sind wie Worte, die man bei Ebbe in den Sand schreibt. Wir segelten von Gran Canaria nach Madeira, gegen Wind und Wellen an die marokkanische Küste, nach Gibraltar, weiter nach Ibiza, Mallorca, Menorca, Sardinien, Korsika und Sizilien.
170 Tage lagen wir am Stück vor Anker, ohne einen Hafen anzulaufen, bis wir im Dezember 2025 einen Hafen auf Sizilien ansteuerten, um an Weihnachten bei unseren Familien in Deutschland sein zu können. Wir kamen an unsere Grenzen, wir erlebten Stürme, Instrumentenausfälle, Gewitter und schlaflose Nächte. Aber auch Delfine in unserer Bugwelle, Grindwale, Schildkröten, Rochen und tiefe Begegnungen mit anderen Seglern.
Wir wuchsen als Team zusammen, lernten uns blind aufeinander zu verlassen, unsere Beziehung wurde stärker denn je. Nach einem Jahr fühlten wir uns endlich wirklich angekommen.
Wir lernten: Die Natur ist stärker als wir. Und das Leben wird leichter, wenn man mit ihr arbeitet – nicht gegen sie. Die Wetter- und Windvorhersagen checken wir mehrmals täglich. Veränderungen von Wind, Wellen und Wolken nehmen wir heute viel intensiver wahr als früher. Wenn wir vor Anker liegen, merken wir sofort, sobald der Wind zunimmt – wir haben inzwischen ein inneres Alarmsystem entwickelt.
Im Sommer sind unsere Luken geöffnet, und wir hören und spüren den Wind auf unseren Wangen. Wenn ein ungewohntes Geräusch oder starke Böen auftreten, stehen wir beide oft unabgesprochen und schlagartig hellwach im Salon. Das kann manchmal ganz schön anstrengend sein, macht uns aber gleichzeitig bewusst, welchen Luxus das zivilisierte Leben bietet, in dem uns meist nur Sonne, Regen und Temperatur interessierten. Die Natur sendet Zeichen, und wir lernen, sie wahrzunehmen.
Diese Reise – mit all ihren Momenten – teilen wir auf YouTube und Instagram unter »Segelohren«. Wir nehmen uns selbst nicht zu ernst. Humor ist einer unserer wichtigsten Anker.

Leben mit begrenzten Ressourcen

Auf unserem Boot lernen wir, Ressourcen neu wertzuschätzen. Wasser und Strom sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Wir haben einen 1000-Liter-Frischwassertank und 800 Watt Solarpaneele. Während eine Person in Deutschland durchschnittlich etwa 130 Liter Wasser pro Tag verbraucht, kommen wir mit rund 9 Litern pro Person aus. Das Meer ist unsere Dusche, die Toilette wird mit Salzwasser gespült, auch der Abwasch erfolgt mit Meerwasser. Beim Strom achten wir darauf, nicht mehrere Geräte gleichzeitig laufen zu lassen. Selbst für eine Tasse Tee werfen wir vorher einen Blick auf unseren Batteriestand.

Alltag auf dem Meer

Auf einem Boot läuft alles langsamer. Selbst einfache Dinge wie Einkaufen oder Wäschewaschen können einen ganzen Tag füllen. Einkaufen vor Anker bedeutet: eine sichere Bucht finden, mit dem Dingi an Land fahren, einen Platz zum Anlegen suchen und dann mit Rucksäcken kilometerweit zum Supermarkt laufen. Großeinkäufe sind Pflicht, denn man weiß nie, wann der nächste Laden kommt.
Bio-Produkte oder Getreide sind im Ausland oft schwer zu bekommen. Deshalb bringen Familie & Freunde bei ihren Besuchen aus Deutschland regelmäßig Sprießkornhafer, Dinkel und Co. mit. Unsere Flockenquetsche läuft fast täglich, und auch Sauerteigbrot backe ich an Bord selbst – manchmal eben abhängig vom Sonnenstand. Frisches Obst und Gemüse kaufen wir am liebsten auf lokalen Märkten.
Wie stark gespritzt wird, wissen wir nicht, aber durch unsere eigene Küche schaffen wir es trotzdem, uns vollwertig zu ernähren. Und neugierigen Besuchern erklären wir gern, warum an unserem Salontisch eine Flockenquetsche hängt. Unsere Getreidemühle hat übrigens bei starkem Wellengang bereits den Flug einmal quer durchs Boot überlebt, ohne einen Kratzer.
Diese Erfahrung war für mich ein Wendepunkt: Wenn vollwertige Ernährung auf einem 17-Meter-Boot funktioniert, wo nichts selbstverständlich ist – dann geht es auch überall. Genau das zeige ich anderen: Als Gesundheitsberaterin GGB begleite ich Frauen online auf diesem Weg – vom Segelboot aus. (@dr.melina.waranski, E-Mail: info@drmelinawaranski.de).

Wie es weitergeht

Unsere nächsten Pläne – so vorsichtig wir das Wort auch benutzen – führen uns von Sizilien nach Griechenland. Dort wollen wir Frühjahr und Sommer verbringen, bevor wir im kommenden Winter einen zweiten Versuch starten: mit den Passatwinden über den Atlantik in die Karibik. Uns erwarten neue Welten, neue Herausforderungen und ganz sicher neue Lektionen. Doch wir haben gelernt: das Leben macht seine eigenen Pläne. Wir nehmen es wie es kommt.

Dr. Melina Waranski

[Zum ersten Mal erschienen in „Der Gesundheitsberater – April 2026“]